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Wie Psyche und Emotionen medizinische Entscheidungen von Ärzt⋅innen und das Verhalten von Patient⋅innen beeinflussen.


Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Psychologie legen nahe, dass unser Denken und Handeln insbesondere in Alltagssituationen weit weniger rational ist als häufig angenommen.


Rationale versus unbewusste Entscheidungen: Sind wir frei in unserem Handeln?

Der Hirnforscher John-Dylan Haynes konnte experimentell zeigen, dass die „freie“ Wahl einer Handlung zunächst unbewusst erfolgt und erst danach unter rationalen Gesichtspunkten im Gehirn bearbeitet wird. Anders gesagt: Das menschliche Gehirn bereitet Entscheidungen im Unterbewusstsein vor, ehe sie bewusst getroffen (oder verworfen) werden1.

In vertrauten Routinesituationen dominieren unbewusste, intuitive Denkprozesse die Entscheidungsfindung – vor allem unter Zeitdruck. Aber auch in unübersichtlichen, unbekannten Situationen rückt die rationale Analyse in den Hintergrund, während die Intuition die Oberhand gewinnt. Das postuliert der Psychologe Gerd Gigerenzer in seinem Buch „Bauchentscheidungen“2. Daraus folgt, dass vermutlich zuweilen auch in der Medizin Entscheidungen „aus dem Bauch heraus“ getroffen werden – auch bei der Behandlung von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED).


Warum werden von Leitlinien empfohlene CED-Therapieziele in der Praxis nicht flächendeckend verwirklicht?

In den letzten Jahren haben sich die CED-Therapieziele weiterentwickelt. Der Fokus hat sich von einer symptomatischen Kontrolle hin zur endoskopischen Heilung verschoben3. Diese Entwicklung spiegelt den Anspruch wider, den langfristigen Verlauf der Erkrankung positiv zu beeinflussen und die Lebensqualität der Patient⋅innen nachhaltig zu verbessern.

Doch oft werden diese Ziele nicht erreicht, wie die IBD-PODCAST-Studie zeigt4. Sie untersuchte im länderübergreifenden Querschnitt, wie häufig Patient⋅innen mit Morbus Crohn (MC) und Colitis ulcerosa (CU) auf Basis der STRIDE-II-Kriterien, die auch ambitionierte Therapieziele vorsehen, keine optimale Krankheitskontrolle erzielen. Zum Zeitpunkt der Datenerhebung war dies bei 52,2 % der MC-Patient⋅innen und bei 44,3 % der CU-Patient⋅innen der Fall4.

Dafür gibt es vermutlich mehrere Gründe, über die die IBD-PODCAST-Studie keine Aussage zulässt. Zumindest denkbar ist aber, dass nicht nur reale (z. B. Therapiekosten, Zeitmangel), sondern auch subjektive Barrieren der Implementierung von neuen Leitlinienempfehlungen entgegenstehen können. Letztere können z. B. Bedenken hinsichtlich der Sicherheit einer intensivierten Therapie sein, die nötig wäre, um hochgesteckte Therapieziele zu erreichen. Es könnte aber auch die auf Erfahrungswerten basierende ärztliche Erwartung sein, dass die Patient⋅innen trotz einer zeitaufwändigen Aufklärung nicht für die gemeinsame Sache motiviert werden können. Denn in der Erwartung des Scheiterns werden Veränderungen oft gar nicht erst angestoßen.


Vermeidung ist die häufigste Bewältigungsstrategie

Es ist wichtig zu wissen, dass menschliches Verhalten in erster Linie von Vergnügen, Bequemlichkeiten und den unmittelbaren Konsequenzen des eigenen Handelns geleitet wird5,6. Meist erscheint es uns besser, die Dinge so zu belassen, wie sie sind (Erhalt des Status quo), und keine Risiken einzugehen, die mit Veränderungen einhergehen könnten (das Sicherste, was man tun kann, ist nichts zu tun). 

Nach dem Prinzip der sogenannten psychologischen Reaktanz stemmen sich Menschen darüber hinaus umso vehementer gegen eine Verhaltensänderung, je stärker eine andere Person versucht, sie davon zu überzeugen (intuitive Ablehnung von Fremdbestimmung)7. Deshalb kann es eine Herausforderung sein, Patient⋅innen von einer aus medizinischer Sicht sinnvollen Maßnahme zu überzeugen, die risikobehaftet erscheint und/oder als Angriff auf die persönliche Freiheit gewertet werden kann.

Eine gute Kommunikationsstrategie kann dabei jedoch helfen. Zuerst sollte man sich klar machen, dass Menschen, die Bedenken gegenüber einer Veränderung haben, vorwiegend auf ihr Emotionssystem zugreifen, das die rationale Aufnahmefähigkeit und das logische Denken überlagern kann. Dieses Wissen kann man sich kommunikativ zunutze machen: Patient⋅innen können leichter von einer Veränderung überzeugt werden, wenn man ihnen emotional zugewandt und auf Augenhöhe begegnet sowie zunächst auf ihre individuellen Bedürfnisse und Ängste eingeht. Durch gezieltes Fragen, aktives Zuhören und das Zugeständnis der Teilhabe an Therapieentscheidungen können Ärzt⋅innen die zwischenmenschliche Beziehung zu ihren Patient⋅innen stärken – und sie dadurch leichter von der Sinnhaftigkeit einer geplanten Veränderung überzeugen (Abbildung 1).

Abbildung 1: Motivierende Kommunikationsstrategie im Dialog mit Patient⋅innen


Fazit

Nicht nur Rationalität, sondern auch Emotionen und Intuition beeinflussen die medizinische Entscheidungsfindung. Im Zeitalter der modernen Medizin setzen Therapieentscheidungen im Sinne eines Shared-Decision-Making häufig voraus, dass Behandler⋅innen und mündige, aufgeklärte Patient⋅innen am gleichen Strang ziehen. Unter Berücksichtigung von Erkenntnissen aus der Neurobiologie und der Psychologie über die Grundzüge menschlichen Denkens und Handelns können Ärzt⋅innen motivierende Kommunikationsstrategien anwenden, um emotional behaftete Bedenken zu adressieren und die Patient⋅innen auf diese Weise leichter ins Boot zu holen.


  1. Soon CS et al. Nat Neurosci 2008; 11: 543–545.
  2. Gigerenzer G. (2021). Bauchentscheidungen. Pantheon-Verlag.
  3. Turner D et al. Gastroenterology 2021; 160: 1570–1583.
  4. D’Amico F et al. United European Gastroenterol J 2024; 12: 705–716.
  5. Berthoud HR. Curr Opin Neurobiol 2011; 21: 888–896.
  6. Hall KL & Rossi JS. Prev Med 2008; 46: 266–274.
  7. Steindl C et al. Z Psychol 2015; 223: 205–214.


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